Radio Flora: „Furorum Kultur: Theater, Theater"
gesendet am Mittwoch, 5. 11. 1997

von Gerd Bösenberg


„euripides - katarrh - medea" steht auf der Theaterankündigung. Euripides ist klar; einer der großen Tragiker Athens, geboren ums Jahr 480 vor Christus. Aber wer ist katarrh? Katarrh, so heißt die Truppe, die Medea spielt und den komplizierten Stoff entmythologisiert und geschlichtet hat. Das hilft beim Verständnis der Zusammenhänge.

Dies ist ein reines Amateurtheater, besteht seit 1989 und hat schon durch einige gelungene Inszenierungen auf sich aufmerksam gemacht. Der Name des Teams ist wörtlich zu nehmen: katarrh = Spucken, Ausrotzen, wie beim Stirnhöhlenkatarrh. Die Spielstätte ist seit 1993 auf Faust. In diesem und im letzten Jahr brachten sie je zwei Stücke heraus, darunter „Die Schöne und das Biest" und „Macbeth". Starkes Theater also. Medea hatte jetzt Premiere. Gehen Sie mal hin und sehen Sie sich an, was die Theatergruppe aus dem Euripides gemacht hat. Großes antikes Theater in kleine Münze gewechselt, aber das kann man positiv sehen.

Die leidenschaftliche Liebe Medeas zu Jason, ihrem Gatten, schlägt um in dämonische Rache, als der sie verläßt, um ein paar Stufen höher die Tochter des Königs Kreon zu heiraten. Medea und die beiden Söhne werden aus dem Land gejagt. Ihr gelingt es, für die Ausweisung einen Tag Aufschub zu bekommen. Es wird ein Katastrophentag. Medea nutzt ihn und tötet sehr raffiniert die Nebenbuhlerin und deren königlichen Vater, bringt eigenhändig ihre beiden Söhne um, zerbricht in einem leidenschaftlichen Streitgespräch mit Jason, diesen, ihren ExMann, seelisch und moralisch, flieht dann nach Athen außer Landes.

So im Stück, das katarrh aufführt. Bei Euripides läuft es etwas anders. Auf Faust geht ein sehr intelligent geführter Geschlechterkampf ab, darauf ist die Handlung im Kern reduziert. Vor antikem Hintergrund pocht Medea temperamentvoll auf ihr Selbstbestimmungsrecht – zur Zeit des Euripides unerhört neu und gefährlich. Sie ist, neben aller Raffinesse, eine starke Frau, von Heide Emrich überzeugend gespielt. Die Männer bleiben etwas blaß. Sehr gut der Chor, der mit pfiffigen Sprachcollagen überrascht.

Medea wird gespielt in der Warenannahme auf Faust, Linden, Wilhelm-Bluhm-Str. 12. Die nächste Vorstellung ist am 12. November innerhalb des Faust-Off-Theatertreffens, das mit acht Theatergruppen vom 7. - 16. November dort stattfindet. Kartenbestellungen für Medea unter Telefon 0511/ 813074.


Transkription: Hans-Holger Jörgens